Sie ist sehr selten – und natürlich streng geschützt: die Bocksriemenzunge, eine Pflanze aus der Familie der Orchideen. Seit einigen Jahren gibt es immer wieder Funde dieser sehr schönen und großen Orchidee im Kraichtal. In diesem Jahr ist sie bei uns an vielen Stellen aufgetaucht.

Ende April: Der Regen und das warme Wetter zeigen Wirkung. Auf einer Wiese erscheinen zwei Bocksriemenzungen. Aus den Blättern schiebt sich der Stängel, mit den Hüllblättern um den Blütenstand. Es scheint ein kräftiges Exemplar zu geben. Unmittelbar dahinter erscheint eine zweite Bocksriemenzunge.

2. Mai 2019: Eine Bocksriemenzunge an einem Wegrain. Bocksriemenzungen mögen lockere, kalkhaltige Lehmböden. Im Kraichtal findet man sie in Trocken- und Magerrasen, Streuobstwiesen und aufgelassenen Weinbergen, wo die Böden einen geringen Stickstoffanteil haben. Sie liebt abfallende Hänge in Richtung Süden, Osten oder Westen. Diese Bocksriemenzunge hat gerade zu blühen begonnen. Wie die meisten Orchideen öffnen sich die unteren Blüten des Blütenstandes zuerst. Es dauert mehrere Tage, manchmal sogar mehr als 2 Wochen,  bis die Pflanze in Vollblüte steht; das heißt, dass alle Blüten des Blütenstandes geöffnet sind. Große Exemplare können über einen Meter hoch werden und mehr als 100 Blüten ausbilden.So sehen die Blüten der Bocksriemzunge aus. Sie hat ihren Namen „Riemenzunge“ wegen der riemenartigen Lappen, die wie eine Zunge aussehen und mehrere Zentimeter lang werden können. In der geschlossenen Blüte ist der mittlere Lappen gefaltet und aufgerollt. Beim Öffnen der Blüte entrollt er sich und kann sich auch verdrehen. Den Namen „Bocksriemenzunge“ hat sie zum einen wegen der riemenartigen und zungenförmigen Lappen erhalten, zum anderen aber wegen des Geruchs der Blüten, die tatsächlich stark nach Ziegenbock riechen.Es ist Anfang Juni. Die Bocksriemenzunge blüht jetzt schon einen Monat und steht jetzt nach 4 Wochen in Vollblüte; d.h., dass alle Blüten des Blütenstandes geöffnet sind. Wie abzusehen war, ist die Orchidee ein mächtiges Exemplar geworden. Die Blütezeit reicht – je nach Witterung – von Anfang Mai bis Mitte/Ende Juni. Die Bestäubung erfolgt vor allem durch Wildbienen. Bocksriemenzungen sind keine langlebigen Pflanzen. Ihre Knollen, mit deren Hilfe sie überwintern und im nächsten Jahr neu austreiben können, ermöglichen der Pflanze eine Lebensdauer von maximal 4 Jahren. Dann sind die Energiereserven der Knollen aufgebraucht – und die Orchidee stirbt ab. Deswegen kann es sein, dass die Bocksriemenzunge in den folgenden Jahren an dieser Stelle wieder verschwindet. Da die Fruchtreife erst Ende Juli/Anfang August erfolgt, muss sie eigentlich bis zu diesem Zeitpunkt stehen bleiben, damit sie ihre Samen ausstreuen kann. Diese können allerdings nur dann auskeimen, wenn ein bestimmter Bodenpilz vorhanden ist. Eine Orchidee auszugraben, um sie im eigenen Garten anzusiedeln, ist deswegen sinnlos – und zudem streng verboten, da bei uns alle Orchideen unter Naturschutz stehen.12. Juli 2019: Die Bocksriemenzungen der Wiese (siehe erstes Bild des Beitrags) sind verblüht; jetzt reifen die Früchte  in den einzelnen Blüten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich ein großes Lob für die Besitzer dieser Wiese und einiger anderen Wiesen- und Weideflächen im Kraichtal aussprechen. Die extensiv bewirtschafteten Wiesen wurden zwar gemäht, doch die Orchideen durften stehen bleiben und stehen auch noch heute (12. Juli 2019).  So können die Orchideen in Ruhe ihre Samen ausstreuen. Das ist ein echter Beitrag zum Erhalt dieser seltenen und geschützten Art!  DANKE!!!  Auch die Gemeinde hat auf den Hinweis reagiert und die Böschung, auf welcher die abgebildete Orchidee steht, ebenfalls nicht gemäht!Eine andere Wiese an einem Hang mit einem großen Vorkommen der Bocksriemenzunge wurde erst gar nicht gemäht; Ab Anfang August wird sie als Viehweide genutzt werden. Auch hier haben die Bocksriemenzungen die Möglichkeit, ihre Samen auszustreuen. Will man die Orchideen erhalten, muss man mähen oder die entsprechenden Flächen beweiden. Der Zeitpunkt ist wichtig! Und in diesem Jahr ist Anfang/Mitte August sicher der ideale Zeitpunkt. Und was ist aus der abgebildeten großen Bocksriemenzunge am Wegrain geworden?12. Juli 2019: Die Bocksriemenzunge am Wegrain steht ebenfalls noch! Inzwischen ist sie verblüht und ihre Blätter sind verwelkt. Aber auch hier reifen jetzt die Samen heran und sorgen dafür, dass uns diese schöne und seltene Orchidee vielleicht im Kraichtal erhalten bleibt. Auch hier hat die Gemeinde, welche für die Pflege des Wegrains zuständig ist,  die Mahd des gesamten Wegrains auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Auch hier ein DANKE !!! an das Umweltamt und den Bauhof der Gemeinde Kraichtal.Die Blätter sind verwelkt, die Blüten haben sich braun verfärbt; doch die Samen reifen heran und können verbreitet werden. Die Samen sind wie bei vielen anderen Orchideen „Körnchenflieger“. Sie wiegen weniger als 0,1 mg und können daher weit fliegen. Und nur, wenn sie auf einen geeigneten Bodenpilz treffen, werden sie auskeimen. Bleibt  zu hoffen, dass diese tolle Orchidee bei uns im Kraichtal bleiben wird ….