Es ist Ende April. An Wegrändern und Magerwiesen taucht jetzt die Farbe blau-lila auf. Es ist der Wiesensalbei, der zur Familie der Lippenblütengewächse gehört. Ein wichtiges Erkennungsmerkmal dieser Pflanzenfamilie ist der Bau der Blüte. Die Blütenblätter, die aus dem Kelch hervorragen, sind miteinander verwachsen. Dabei bilden sie eine Ober- und Unterlippe aus. Die Blütenkronröhre sieht also von der Seite wie ein geöffneter Mund aus. Deswegen hat die Familie den Namen „Lippenblütler“ erhalten. Weitere Merkmale dieser Familie sind die kreuzweise gegenständigen Blätter und der vierkantige Stängel.  Bis weit in den Hochsommer hinein bildet der Wiesensalbei auf geeigneten Flächen große Bestände aus.Die Blüten sind rings um den kantigen Stängel herum angeordnet. Die Blüten öffnen sich nicht gleichzeitig. Während einige der Blüten noch geschlossen sind, kann man erkennen, dass andere Blüten schon welken. Die Blüten des Wiesensalbeis sind sehr begehrt, denn sie enthalten viel Nektar, aber nicht sehr viel Pollen. Es gibt aber ein Problem: Der Nektar befindet sich ganz am Grunde der Blütenkronröhre und kann von Insekten, die keinen langen Rüssel haben, nicht erreicht werden. Deswegen sieht man beim Wiesensalbei in erster Linie Hummeln, aber auch Schmetterlinge, die mit ihrem langen Rüssel an die Nektar-Vorräte herankommen können. Die fadenartigen Gebilde, welche aus den Oberlippen der einzelnen Blüten herausragen, sind die Narben, also ein Teil der weiblichen Blütenorgane. Wenn die Narben mit Pollen in Berührung kommen, dann ist die Blüte bestäubt. Um das auch möglichst gut zu erreichen, hat sich die Natur etwas einfallen lassen: Viele Lippenblütler  haben 4 Staubblätter die jeweils die Staubbeutel tragen. In ihnen reifen die männlichen Geschlechtszellen, die Pollenkörner heran. Normalerweise befinden sich alle Staubblätter in der löffelartig gewölbten Oberlippe. Beim Wiesensalbei ist dies etwas anders: In der Oberlippe jeder Blüte befinden sich nur noch 2 Staubblätter mit den Staubbeuteln, die den reifen Pollen ausstreuen. Die anderen beiden Staubbeutel wurden zu beweglichen „Klappen“ umgewandelt und verschließen den Eingang zur Blütenkronröhre. In ihnen reift kein Pollen mehr heran. Trotzdem tragen sie einen wichtigen Teil zur erfolgreichen Bestäubung der Blüte bei. Sie sind mit den beiden Staubblättern in der Oberlippe verbunden – und bilden so eine Art „Klapp-Mechanismus“ wie bei einer Schranke. Auf der  Blüte rechts oben und den Blüten auf der linken Seite kann man jweils die beiden weißlich-hellblauen Klappen am Eingang der Blütenkronröhre sehen.

Die folgenden Bilder zeigen, was geschieht, wenn eine Hummel an die Nektar-Vorräte des Wiesensalbeis kommen will: Nachdem sie auf der Blüte gelandet ist, schiebt die „Dunkle Erdhummel“ ihren Rüssel soweit wie es geht in den  Eingang der Blütenkronröhre hinein …Dadurch werden die beiden Klappen nach hinten gedrückt – und schon bewegen sich die beiden Staubblätter wie eine Schranke aus der Oberlippe nach unten. Rechts oben werden die beiden Staubblätter sichtbar, wie sie aus der Oberlippe auftauchen. Am Ende der Staubblätter befinden sich die Staubbeutel, in denen die reifen Pollenkörner lagern. Je weiter sie mit ihrem Rüssel eindringt, desto tiefer klappen die beiden Staubblätter nach unten. Jetzt ist sie mit ihrem Rüssel am Grund der Blütenkronröhre angekommen. Die beiden Staubbeutel liegen jetzt auf ihrem Rücken und laden bei jeder Bewegung der Hummel den Blütenstaub  auf ihrem Rücken ab. Sobald sie den Rüssel aus der Blüte zieht, klappen die Staubblätter wieder nach oben. Auf den Beinen kann man übrigens die weißlich-gelben Pollenkörner sehen, die es beim Wiesensalbei gibt. Der Wiesensalbei gibt seinen Pollenvorrat aber in Portionen ab – und ermöglicht dadurch mehrere erfolgreiche Blütenbesuche, wie dies bei der „Dunklen Erdhummel“  der Fall war. Sowohl beim Wegfliegen als auch beim Anflug auf der nächsten Blüte streift sie mit ihrem Rücken an der Narbe vorbei, an welcher die mitgebrachten Pollenkörner kleben bleiben. Diese Blüte des Wiesensalbeis ist bestäubt. Allerdings schaffen es auch Honigbienen, an die Nektar-Vorräte heranzukommen. Sie beißen sich durch den Kelch direkt zu den Nektarvorräten und tragen diese fort, ohne, dass die Bestäubung erfolgt.