natur-erleben-online

Vorsicht, aber keine Panik: Hornissen im Herbst

Mehr lesen

Es ist Anfang Oktober. In den letzten Wochen kursierten Berichte über Hornissen-Angriffe in den Medien. In den Schlagzeilen war von „Überfall“ und „Jagd auf Rentner“ die Rede. Auch in der Nähe des Kraichtals gab es in Weingarten bei Karlsruhe einen Vorfall mit mehreren Betroffenen. Einige wurden sogar ernstlich verletzt. Auch dieser Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Dabei werden Hornissen doch als sehr friedliche Insekten beschrieben, die am Menschen keinerlei Interessen haben. Stimmt das alles etwa doch nicht?

Zunächst muss man wissen, dass Hornissenvölker im September den Höhepunkt ihrer Entwicklung  erreicht haben. Zu diesem Zeitpunkt umfassen die Hornissenvölker im Nest – je nach Größe des Nestes – mehrere Hundert Tiere. Diese haben vor allem 2 Aufgaben. Sie müssen Nahrung für die Brut herbeischaffen – und sie müssen das Nest mit der Königin verteidigen. Im Verteidigungsfall geben die Hornissen Alarmstoffe ab, der die Arbeiterinnen im Nest alarmiert und der sich als Duftwolke im Nestbereich und darüber hinaus verbreitet. Dies geschieht jedes Mal, wenn sich die Hornissen bedroht fühlen, z. B. , wenn sich jemand dem Nest zu weit nähert oder sich gar daran zu schaffen macht. Sobald dieser Alarmstoff in der Luft ist, beginnt ein massiver Angriff auf alles, was sich in der Umgebung bewegt. Heftige und schnelle Abwehrbewegungen verstärken diesen Effekt noch. In einem größeren Abstand vom Nest lassen die Hornissen nach und kehren zum Nest zurück. Es muss ja Nahrung für die Königin und die Brut beschafft werden. Nun zurück zu dem Hornissenangriff in Weingarten: Die Experten sind sich einig, dass im vorliegenden Fall eine Störung vorgelegen haben muss, denn von sich aus greifen Hornissen uns Menschen nicht an.

Arbeiterinnen bewachen den Eingang ihres Nestes im Apfelbaum auf dem Gelände des Gleitschirmclubs Kraichtal bei Oberacker.

Jungköniginnen sind ausgeflogen und verpaaren sich außerhalb des Nestes mit den Drohnen, die in der Umgebung des Nestes schon auf sie gewartet haben.

Es entstehen regelrechte „Hornissen-Knäuel“, wenn mehrere Drohnen versuchen, sich mit einer Jungkönigin zu paaren. Nach der Paarung verlassen die Jungköniginnen für immer das Nest und suchen sich einen sicheren Unterschlupf für den Winter. Die alte Königin wird jetzt von den Arbeiterinnen nicht mehr gefüttert und verlässt das Nest ebenso. Kurze Zeit später wird sie sterben.

Wenn je nach Witterung im September und Anfang bis Mitte Oktober die alte Königin und die jungen Königinnen das Nest verlassen, dann verliert die ausgeklügelte Arbeitsteilung unter den Arbeiterinnen ihre Ordnung. Als Folge davon erweitert sich auch der Gefahrenbereich um das Nest. Auch laute Geräusche und heftige, hastige Bewegungen können nun von den Hornissen als Angriff auf das Nest gedeutet werden.

Aber auch im Kraichtal gab es ein „Hornissen-Problem“: Auf dem Gelände des Gleitschirmclubs in Kraichtal-Oberacker hatte ein Hornissenvolk in einem Apfelbaum ein Nest gebaut. Obwohl  das Nest in unmittelbarer Nähe des Startplatzes liegt, gab es im Verlauf des Sommers keinerlei Probleme mit den Insekten. Nun war das jährliche „Fliegerfest“ geplant. Aufgrund der Meldungen aus Weingarten verschob man das Fest, sperrte den Bereich um den Baum mit Bändern ab – und stellte Warnschilder auf, die auf die mögliche Gefahr hinwiesen. Diese Reaktion der Verantwortlichen war vorbildlich: Anstatt Panik zu verbreiten, die Verlegung des Nestes oder gar die Vernichtung des Hornissenvolkes zu fordern, reagierte man total unaufgeregt und nahm die Sache so hin, wie sie war. Gefeiert wurde in kleinem Rahmen trotzdem – in sicherer Entfernung vom Nest. Was mir aber vor allem sehr gefallen hat, war die Erklärung, mit der  die Absage des Festes der Öffentlichkeit gegenüber begründet wurde:

„Gerade unser Sport ist sehr abhängig von der Natur: es ist beispielsweise lebenswichtig das Wetter richtig einzuschätzen. Und da wir so sehr von der Natur und der Umwelt abhängig sind, müssen wir diese auch entsprechend behandeln- auch wenn es „nur“ um ein Hornissennest geht und um Wächter die ihre neue Königin beschützen wollen…“

(Auszug aus der “ Mitteilung des Vereins über die Gründe der Absage des „Fliegerfestes“ in den verschiedenen Medien).

Flug-Gelände des Gleitschirmclubs Kraichtal. Die Absperrbänder sind inzwischen entfernt. Im Apfelbaum (in der Mitte) hat  zur Straßenseite hin ein Hornissenvolk ein Nest gebaut.

Auch der Hinweis: „Vorsicht Hornissen“   verstärkt die Haltung  des Vereins.  Das Schild sagt aus, dass es hier Hornissen gibt – und dass man in diesem Bereich vorsichtig sein- und sich an Spielregeln halten muss. Stünde auf dem Schild „ACHTUNG HORNISSEN!“, hieße das nämlich, dass es hier  – was überhaupt nicht zutrifft – grundsätzlich gefährlich ist. Ich finde die Art und Weise, wie der  Verein mit dieser schwierigen Situation (vor dem Hintergrund der Vorfälle in Weingarten) umgegangen ist, ganz toll! Hier hat man verstanden, dass es im Umgang mit der Natur vor allem darum geht, das, was in der Natur geschieht zu respektieren – und dass auch die Hornissen ein Recht auf den vom Menschen beanspruchten Lebensraum haben, den man teilen kann! Gerade, weil der Verein sicherlich wegen der Absage finanzielle Einbußen hatte, ist eine solch unaufgeregte Reaktion vorbildlich! Dass es aber auch Fälle geben kann, wo die Umsiedlung eines Hornissennestes notwendig wird, bleibt unbestritten.

Gerade über Hornissen und ihre Gefahr für den Menschen existieren immer noch viele Mythen. Deswegen kommt bei vielen Menschen Panik auf, wenn sie diesen – eigentlich so friedlichen – Insekten begegnen. Panik ist sicher nicht angebracht, aber Vorsicht und Respekt Tieren gegenüber, die  im Nahrungskreislauf  ihres Lebensraumes eine – auch für uns Menschen so wichtige – und deshalb auch schutzwürdige – Rolle spielen.

(*Hinweis: Für die Veröffentlichung von Teilen der Erklärung des Vereins in diesem BLOG  erhielt ich die persönliche Genehmigung.)

Hornissen

Mehr lesen

Innerhalb der Insekten gehören die Hornissen zur Gruppe der Hautflügler und zur Familie der Faltenwespen. Sie sind mit einer Körperlänge von bis zu knapp 4 cm die größte Wespenart bei uns. Obwohl sie laut brummen und wegen ihrer Größe recht gefährlich aussehen, sind Hornissen absolut friedlich. Im Gegenteil: Hornissen sind scheu und beachten uns Menschen eigentlich gar nicht. Leider existieren, was Hornissen betrifft, viele Mythen. Tatsächlich sind Stiche von Hornissen nicht gefährlicher als die von Bienen oder Wespen. Nur wer gegen das Gift allergisch ist, kann – wie bei Bienen- oder Wespenstichen auch – Probleme bekommen.

Dabei ist aber zu beachten: Das Risiko, von einer Hornisse gestochen zu werden ist viel geringer als von einer anderen Wespenart oder von einer Honigbiene. Denn normalerweise bleiben Kontakte mit uns Menschen aus. Hornissen interessieren sich weder für uns Menschen,  noch für süße Getränke noch für den Obstkuchen, der im Garten gegessen werden soll. Im Gegenteil: wenn Hornissen ab und zu an den Kaffeetisch kommen, dann nur, um die dort fressenden Wespen zu erbeuten. Wer Hornissen auf seinem Grundstück hat, wird dadurch auch oft von der „Wespenplage“ befreit. Hornissen sind sehr nützlich: Denn ein Hornissenvolk vertilgt pro Tag ca. 1/2 kg Insekten. Welche Menge das pro Jahr und Volk ergibt, lässt sich leicht errechnen. Je nach Witterung und Entwicklung des Volkes sind die Hornissen von Anfang Juni bis Mitte Oktober auf massiver Insektenjagd. Und der Mythos, dass die Hornissen, wenn sie im Haus Nester bauen, die Dachbalken oder die Deckenvertäfelung fressen, ist falsch. Hornissen stellen ihr Nest ausschließlich aus morschem Holz her – und vergreifen sich weder an Dachlatten oder Paneelen.

Folgende Tipps zeigen auf, wie man Konflikte mit Hornissen vermeiden kann: In Nestnähe (ca. 2 m – 6 m) sollte man jede mögliche Störung wie heftige Erschütterungen, schnelle Bewegungen oder das Versperren der Flugbahn am Nest grundsätzlich unterlassen. Außerdem: Bei Begegnungen mit Hornissen keine panischen Abwehr-Reaktionen zeigen!  Dies betrachten die Hornissen nämlich als Angriffssignal! Statt dessen ruhig bleiben! Menschen gehören nicht ins Beuteschema der Hornissen!  Wer aber selbst Hand anlegt und direkt gegen das Nest vorgeht, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Hornissen dann zum Angriff übergehen.

Hinweis: Hornissen sind streng geschützt! Die einheimische Hornisse zählt zu den besonders geschützten Arten. Sie darf nicht getötet, und ihr Nest darf nicht zerstört werden. Die Beseitigung eines Nestes ist nur mit Genehmigung der Naturschutzbehörden möglich. Wer eigenständig dagegen vorgeht, macht sich dadurch strafbar.

Trotzdem kann es Konflikte mit Hornissen geben. Da in vielen Orten und Fluren alte Bäume mit Nistgelegenheiten selten geworden sind, weichen Hornissen dann auf geeignete Nistmöglichkeiten in und an unseren Gebäuden (z.B. Rolladenästen) aus. In diesen Fällen kann eine dafür ausgebildete und beauftragte Fachkraft Abhilfe schaffen. Auskünfte darüber erteilt das Umwelt- oder Ordnungsamt jeder Gemeinde.

Hier haben Hornissen in einem Kirschbaum auf einer Streuobstwiese ihr Nest gebaut.

Der Platz im Baum reicht nicht mehr aus; deswegen legen die Arbeiterinnen einen „Erweiterungsbau“ außerhalb der Baumhöhle an. Ihr Nest bauen sie aus zerkautem, morschen Holz auf.  Wächter-Hornissen überprüfen die einfliegenden Hornissen, die mit Beute zum Nest zurückkehren.

Bei hohen Außentemperaturen fungieren die abgebildeten Hornissen als „Ventilatoren“. Mit heftigen Flügelbewegungen regulieren sie die Nesttemperatur. Auch das von Arbeiterinnen eingetragene Wasser dient zur Temperaturregulation.

Mit dem ersten Frost Ende Oktober/Anfang November sterben die Arbeiterinnen ab; die jungen Königinnen, die inzwischen das Nest verlassen haben – und sich mit den Drohnen verpaart haben,  überwintern an einer geschützten Stelle und gründen, wenn sie den Winter überstanden haben,  im Folgejahr einen neuen Staat.